07 Februar 2009

Kröte ist wichtiger

"Da vorne steht es denen bis zum Hals", sagt der Farn traurig und deutet auf die Kochtöpfe, die leise klimpernd Regentropfen auffangen.
"Das ist doch deren Job", meint die Schildkröte und wirft den Kochtöpfen einen herablassenden Blick zu. "Die können sich noch nicht mal bewegen", flüstert sie etwas leiser und der Farn nickt.

"June, warum steht meine Lieblingstasse im Klo?" Cathrin marschiert ins Wohnzimmer, wo June gerade dabei ist, eine Tasse auf dem Bücherregal zu positionieren.
"Keine Ahnung", sagt sie desinteressiert. "Ich könnte sie möglicherweise dort hingestellt haben, aber man kann sich da nie so sicher sein."
"Wehe, du benutzt diese Katastrophe zu deinen Gunsten, um mich wieder in den Wahnsinn zu treiben!" droht Cathrin und stampft zurück ins Klo, um die arme Tasse zu retten.
"So wichtig ist mir deine Geistesverfassung auch wieder nicht", ruft June ihr hinterher. "Und so ein bisschen Regen ist wohl kaum eine Katastrophe."
"Alle meine Schallplatten sind durchgeweicht!" heult Cedric und wirft einen Stapel nasser Platten aufs Sofa.
"Umso besser, die waren eh nur meiner Schlangensammlung im Weg."

"Schlangensammlung?" fragt die Schildkröte alarmiert. "Das ist doch bestimmt ein Witz!"
"Wer weiß das bei June schon", seufzt der Farn und wedelt ein bisschen sinnlos hin und her. "Schlangen sollen sich in einem nassen Klima ja wohlfühlen."
"Na, dann sollen sie da unten in den Töpfen wohnen." Die Schildkröte zieht den Kopf in den Panzer ein und stellt sich schlafend. Dieses Durcheinander ist ihr nun wirklich zuviel. Nach jedem Regenschauer ist es das Gleiche. Alle rennen aufgeregt durcheinander und versuchen, den Wasserschaden in Grenzen zu halten, und trotzdem geht jedes Mal was schief.
„Wo ist denn meine Schildkröte?“ fragt Kabbel und wühlt in Cathrins Zeitungshaufen herum.
„Auf dem Fensterbrett in der Küche!“ ruft Cathrin. „Aber du könntest wirklich auch mal helfen, das Ding ertrinkt schon nicht.“
„Kröte ist wichtiger als alle Wertgegenstände in diesem Haus zusammengenommen“, betont Kabbel und steckt die Schildkröte in seine Manteltasche. Fast schon auf dem Weg nach draußen fällt sein Blick auf den Farn. Eilig greift er nach einem Topf und leert ihn im Blumenkübel aus.
„Aah, das tut gut“, freut sich der Farn. „Danke.“
„Kein Problem.“ Kabbel läuft los und bleibt plötzlich ganz still stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gerannt. Er dreht sich um. Er mustert den Farn misstrauisch. „Hast du gerade gesprochen?“
Der Farn wedelt stumm hin und her. Die Schildkröte in Kabbels Tasche kichert leise.

2 Kommentare:

Oles wirre Welt hat gesagt…

Leise sang der Knöterich sein Lied von "Lili Marleen" - geduckt in den dunklen Schatten des Eichenwaldes. Und dann hauchte ihm eine Brillenschlange zu: "Ich bin erkältet. Und ich habe einen fantastischen Text gelesen."

C hat gesagt…

da