29 November 2007

Der Seltsame Herr Konrad

Herr Konrad steht mit seiner Taube Henrietta in einer Hand und lächelt sanft.
"Schau, Henrietta!", sagt Herr Konrad. "Na sowas!"
Herr Konrads Erstaunen ist verständlich.

Er ist heute Morgen aufgestanden, hat sich drei Tassen grünen Tee aus einem Beutel gebrüht, und beschloss dann, mit Henrietta ein wenig aus dem Fenster zu schauen. Henrietta hingegen war soeben auf einem Buch eingeschlafen und war überhaupt nicht gut darauf zu sprechen, aus dem Fenster zu schauen. Das war vor allem deshalb, weil Henrietta etwas wusste, was Herr Konrad nicht wissen konnte.

Herr Konrads momentanes Erstaunen bezieht sich auf den Mann, den er draußen vor seinem Fenster stehen sieht. Der Mann ist klein und dürr, hat einen ungepflegten Schnauzer und einen Kürbis auf dem Kopf.
"Frag ich mich doch, Henrietta", sagt Herr Konrad und kratzt sich mit seiner freien Hand die Stirn, "ob der sich wohl nie Zeit nimmt, mal den Schnauzer zu kämmen."
Henrietta ist an diesem Punkt mehr oder weniger angenervt und flattert ungeduldig mit den Flügeln. Herr Konrad lässt sie los, die Augen immer noch auf den wunderlichen kleinen Mann vor seinem Fenster gerichtet. "Frag ich mich doch...", wiederholt Herr Konrad murmelnd, während Henrietta zu ihrem Buch fliegt und es sich zwischen zwei Seiten bequem macht.
"HE! Sie!", ruft Herr Konrad zum Fenster hinaus und klopft vorsichtig gegen das Glas. Der kleine Mann zeigt keine Reaktion. "Was liest du da, Henrietta?", fragt Herr Konrad und wendet plötzlich seinen Blick ab von dem seltsamen Mann und zu seiner Taube. Henrietta wünschte, Herr Konrad würde endlich den Mund halten, damit sie schlafen kann.
Herr Konrad betrachtet die erste Seite des Buches und liest laut vor:

"Als Herr Konrad ein kleiner Junge war, ging er jeden Sonntag brav in die Kirche. Herr Konrads Mutter war sehr darauf bedacht, dass ihr Sohn wöchentlich ein paar Stunden mit dem örtlichen Pastor verbringe. Und weil Herr Konrad ein braver kleiner Katholik war, gehorchte er seiner Mutter. Er gehorchte auch dem Herrn Pastor, obwohl dieser manchmal seltsame Dinge mit dem kleinen Herrn Konrad anstellte. Der kleine Herr Konrad wusste damals nicht, dass diese Ereignisse ihn sein Leben lang -"

Herr Konrad sucht nach den folgenden Wörtern. "Na sowas, Henrietta. Da hört die Geschichte einfach auf."
Henrietta schlägt Herrn Konrad nicht vor, die Seite umzublättern. Sie will schlafen. Herr Konrad wendet sich wieder zu dem kleinen Mann vor dem Fenster. Er steht immer noch da, mit diesem lächerlichen Schnauzer und dem Kürbis auf dem Kopf.
"HE!", ruft Herr Konrad noch einmal. "Jetzt öffne ich das Fenster! Vielleicht hört er mich nicht." Herr Konrad greift zum Fenstergriff, aber da ist keiner. "Na sowas." Herrn Konrad ist noch nie aufgefallen, dass sein Fenster kein Griff hat. "Unerhört." Er ist nun sehr verwirrt und er wünschte, der kleine Mann würde einfach verschwinden, damit Herr Konrad weiter in Ruhe aus dem Fenster schauen könnte.

"Henrietta, das Fenster funktioniert nicht", teilt Herr Konrad der Taube mit, der dies egaler nicht sein könnte. Herr Konrad klopft gegen das Fensterglas. Eine leichte Brise weht und rauft Herrn Konrads Schnauzer und blättert eine Seite im Buch um.
Herr Konrad dreht sich zum Buch und liest:

" -dazu verdammen würden, einen Kürbis auf dem Kopf zu tragen und seine Tage damit zu verbringen, aus dem Fenster zu schauen. Herr Konrad ahnte sein Leben lang nicht, dass das einzige Fenster in seiner Wohnung auf der anderen Seite des Raumes lag und dass er tagein tagaus den seltsamen kleinen Mann betrachtete, der sein Spiegelbild war."

Herr Konrad legt den Kopf schief. "Henrietta", ermahnt er seine Taube sanft. "Du weißt doch, dass du nicht solchen Unsinn lesen sollst." Und Herr Konrad hob seine Taube hoch, schloss sanft das Buch und ging, um zu sehen, ob der seltsame Mann vor seinem Fenster noch dort stand.

Er stand noch dort.

19 Kommentare:

Andy hat gesagt…

Hehe.. mein Hund war auch immer so, aber irgendwann hatte er es verstanden - oder war einfach nur gelangweilt, da der Hund im Spiegel ihm alles nachmachte. Wer weiß.

Andy hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
Herr Schmidt hat gesagt…

Voller Panik habe ich gerade überprüft, ob meine Fenster einen Griff haben. Und, Erleichterung: Sie haben einen.

[OT] Warum kann ich keine URL mehr beim Nickname hinterlegen???

Oles wirre Welt hat gesagt…

Endlich rücken Tauben ein wenig aus ihrer Nische heraus und erfahren gleich mehrfach neue Wertschätzung. Grandioser Text, einmal mehr, Besteste.

dr l. hat gesagt…

das ist leider pure verleumdung.
kürbisse mögen nämlich gar keine schnauzer, und zwar auf den tod nicht, das hat mir erst letztens ein sehr seriöses exemplar erzählt.

amseln können sie übrigens auch nicht leiden, von denen werden sie richtiggehend aggressiv. zum glück war es also eine taube, das hätte sonst ins auge gehen können.

festzuhalten bleibt, dass es wahrlich einfachere freunde gibt, als kürbisse. sie wissen darum und hassen sich insgeheim selbst dafür, können aber einfach nicht aus ihrer schale.

Ich bin erkaeltet hat gesagt…

Andy: Hunde sind da ein bisschen wie Babies.
Herr Schmidt: Na gottseidank. [OT] Weiß nicht, frag mal den Bastian, der ist besser mit Technik.
Ole: Huch, na sowas. Du auch ein Tauben-Text? Das ist ja ein lustiger Zufall. Erinnere ich mich falsch, oder hatten wir schon einmal so eine zufällige Übereinstimmung?
Dr.l: Das macht nichts. Ich bin auch ein bisschen wie ein Kürbis, manchmal.

pulsiv hat gesagt…

little sister is watching me.

kamma nix mehr zu sagen. knorke.

Ich bin erkaeltet hat gesagt…

Wie jetzt?

Bastian hat gesagt…

1. Nach einer Woche Urlaub, auch größtenteils vom Internet: wieder da. :-)

2. Ich mag solche Geschichten. Seltsame Geschichten. Wo am anfang alles ein wenig anders scheint, als es nachher ist.

3. Ich kann auch keine URI mehr hinterlegen. Ist wohl nur noch den Bloggern von Googles eigenem Blog-Dienst vergönnt? Oder die Chefin hat an den Einstellungen rumgespielt. ;-)

Herr Schmidt hat gesagt…

So, so. Und? Hat die Chefin an den Einstellungen rumgespielt?
Auf jeden Fall hat sie ein schönes Foto eingebunden. Gefällt mir.

Bastian hat gesagt…

Als Gmail-Nutzer hab ich ja automatisch auch son Blogger-Account. Hab da mal durchgesehen, konnte aber keine Einstellung finden, die das beeinflussen würde. :-/

Und beim zweiten lesen gerade, also im wachen Zustand und nicht mehr halbschlafend sind mir ein paar Stellen aufgefallen... *seufz* seeeehr traurig die Geschichte. Ob katholische Priester wirklich alle so schlimm sind? Ich hoffe nicht.

Andy hat gesagt…

Habt ihr eventuell euer Profil auf "nicht öffentlich"? Ansonsten einfach beim Support anfragen, dafür sind sie ja da.

Andy hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
Ich bin erkaeltet hat gesagt…

Bastian:
1. Willkommen zurück! Gut erholt?
2. So hatte ich es beabsichtigt, ja.
3. Grins. Nein, hab ich gar nicht. Ich muss mich auch jedes Mal aufs Neue mit dem Google-Konto anmelden, ganz schön nervig. Aber ich weiß ja, woher ihr Nasen alle kommt.
Herr Schmidt: Danke. Chefin hat halt mit Bildern rumgespielt.
Bastian: Das kann man nicht so genau wissen. Geht halt alles vor die Hunde.
Andy: Ja, ihr diskutiert das mal schön unter euch Männern aus, während ich für die Kinder was koche .. ähh.

Andy hat gesagt…

Knuddel Eddy von mir. :-)

Bastian hat gesagt…

Ja, hab mich ganz gut erholt, danke. Ähm, mir kam da so ein Bild in den Kopf zu Herrn Konrad...
Skizze zu Herrn Konrad

Herr Schmidt hat gesagt…

Das darf die Chefin natürlich gerne weiter machen.
...wobei ich da zurzeit keinen Bedarf drin sehe.

Dann wird diese ganze Link-Geschichte wohl mit der Firmenpolitik von Blogger.com zusammenhängen.
Böse, Blogger.com, ganz böse. Ab auf die stille Treppe!

Ich bin erkaeltet hat gesagt…

Bastian: Ich bin begeistert! Sehr gelungen. Ich mag besonders die Ellbogen-Flicken und das Kreuz an der Wand. Dankeschön, da fühl ich mich nun aber sehr geehrt.
Herr Schmidt: Stille Treppe, ne, das ist doch keine Bestrafung. Blogger.com bekommt schön eins mit der Rute auf den A - llerwertesten.

Bastian hat gesagt…

Als braver Katoholik dachte ich, er würde auch ein Kreuz an der Wand haben.
Der Flicken war ne spontane Eingebung.
Nix zu danken. Danke dür die Inspiration. ;-)